Fußball

Bayer trickst, Arsenal räumt abDie nervtötendste Fußball-Mannschaft Europas braucht fragwürdige Hilfe

12.03.2026, 05:00 Uhr
imageVon Tobias Nordmann, Leverkusen
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Kai Havertz rettet den Punkt für Arsenal. (Foto: REUTERS)

Bayer Leverkusen verpasst gegen den FC Arsenal die große Überraschung in der Champions League knapp. Lediglich ein nachlässiger Moment bringt die Werkself um eine Top-Ausgangsposition für das Rückspiel.

Kasper Hjulmand war ganz kurz davor, der Geschichte der Blitz-Auswechselungen in dieser Champions-League-Woche ein weiteres eiliges Kapitel hinzuzufügen. Sein Kapitän Robert Andrich hatte im Achtelfinal-Hinspiel gegen den FC Arsenal in der zweiten Minute Gelb gesehen. Er hatte Stürmer Viktor Gyökeres am eigenen Strafraum umgerungen. Nach fünf Minuten ließ der emotionale Leader von Bayer 04 Leverkusen den Schweden an der Seitenlinie hart auflaufen. Schiedsrichter Umut Meler hob den Finger und ermahnte Andrich, dass jedes weitere nicht legale Vergehen Gelb-Rot bedeuten würde. Andrich hielt sich an die Vorgabe des Schiedsrichters.

"Ja, natürlich", sagte Hjulmand und legte seinen Kopf kurz in die stützende Hand, habe er daran gedacht, den Abwehrchef so früh vom Feld zu nehmen. Er hätte damit den Wochenrekord für die schnellste Herausnahme eines nicht verletzten Spielers seines Kollegen Igor Tudor geknackt. Der hatte am Dienstagabend für großen Wirbel gesorgt, als er den jungen Torwart Antonin Kinsky nach 17 Minuten als Protagonisten im Tottenhamer Horrorstück von der Bühne des Metropolitano holte. Der Tscheche war nach zwei katastrophalen Aussetzern völlig von der Rolle und dem Spott der Fans von Gegner Atlético Madrid ausgesetzt gewesen.

Wie Wellenreiter, die auf Wellen warten

Aber Hjulmand entschied sich gegen eine schnelle Reaktion. Der dänische Trainer vertraute darauf, dass sein Kapitän die Dinge unter Kontrolle bekommen würde. Vor allem Gyökeres, diesen bulligen Angreifer. Und Andrich bekam die Dinge unter Kontrolle. Wie seine Leverkusener auch. Die erste Welle der Gunners brachen sie schnell und dürften sich gewundert haben, dass sich danach kaum noch etwas auftürmte. Wäre Bayer eine Gruppe von Wellenreitern gewesen, sie hätten einen enttäuschenden Abend erlebt. So aber war es ein Abend, der sich in die tobende Diskussion um die Londoner einreihte und auf bittere Weise 1:1 endete.

Die Premier League führt die Arsenal-Mannschaft von Trainer Mikel Arteta souverän an, in der Königsklasse haben sie als einziges Team alle Spiele der Gruppenphase gewonnen. Dabei auch den FC Bayern besiegt. Aber die Herzen hatten diese "Gunners" nicht erobert. Sie hatten Wut heraufbeschworen, die zuletzt aus dem deutschen Trainer Fabian Hürzeler herausgeplatzt war, der sich vehement über den Stil echauffiert hatte. Er war nur eine der lauten Stimmen im Chor, die den Londonern großen spielerischen "Müll" auf dem Feld attestierten. Die diesen "Anti-Fußball" verachten, der wie "Terror" für den Gegner ist.

Sie können doch auch ganz anders

Nun ist den "Gunners" offiziell reichlich egal, wie ihr Fußball bewertet wird. Der Zweck heiligt endlich die Mittel. Endlich soll der erste große Titel für Arteta nach sieben Arsenal-Jahren her. Zu oft hatte er beim Versuch, Silberware heranzuschaffen, ins Leere gegriffen. Schöner Fußball? Darauf pfeift der Spanier. Er setzt auf eiskalten Pragmatismus. Auf defensive Stärke, auf saugefährliche Standards, auf Zeitspiel. Arteta und seine Londoner tun alles dafür, das Risiko auf dem Feld zu minimieren, den Rhythmus des Gegners zu brechen. Das kann nervtötend sein. Für Ex-Nationalspieler Paul Scholes wäre Arsenal der "langweiligste" Meister der Premier-League-Geschichte, für seinen Expertenkollegen Chris Sutton der "hässlichste". Es ist bisweilen ein rätselhafter Ansatz.

Denn sie können ja auch anders. Sie können schnell spielen, faszinierend. Als Leverkusens linker Schienenspieler Alejandro Grimaldo nach 20 Minuten nach vorn stürmte, als der Angriff nicht gefährlich zu Ende gebracht worden war und die Gäste umschalteten, war nach wenigen Sekunden plötzlich Gabriel Martinelli im Leverkusener Strafraum frei und knallte den Ball hart ans Lattenkreuz. Bukayo Saka, Jurrien Timber, Eberechi Eze und Gyökeres hatten ihn fantastisch freigespielt. Aber tatsächlich kam danach nichts mehr. Nichts Gefährliches. Bis zur 89. Minute, bis der "verlorene Sohn" Kai Havertz, kurz zuvor unter großem Applaus eingewechselt, eiskalt aus elf Metern traf. Der Strafstoß war indes eher ein Geschenk als ein nachvollziehbarer Pfiff. Malik Tilman hatte zuvor Noni Madueke im Zweikampf minimal berührt. Wenn überhaupt.

Bayer treibt Arsenal in den Wahnsinn

Andrich wollte einfach nicht glauben, dass der VAR keine Einwände hatte. "Wie man da nicht sagen kann, dass er es zurücknehmen soll – das reicht doch nicht." Trainer Hjulmand sah es ähnlich: "Kein Kontakt und dann geht er runter. Es ist kein Elfmeter. Das ist eine Situation, in der, wenn der Schiedsrichter nicht pfeift und der VAR es checkt, es trotzdem kein Elfmeter ist." Ändern konnten sie es nicht mehr. Havertz hatte seinem Ex-Klub das Kämpferherz gebrochen, mit der er bis zu dieser 87. Minute Arsenal in den Wahnsinn getrieben hatte. Sie verteidigten wie große Champions, sie spielten mit dem unerschütterlichen Selbstvertrauen der Xabi-Alonso-Jahre. Sie suchten immer wieder den spielerischen Weg, um sich aus den Londoner Bedrohungssituationen zu befreien. Nach den schwierigen Wochen mit vielen Verletzten und wenigen großen Momenten war ihnen das nicht zugetraut worden.

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Und wie gut sie waren. Sie waren wie Arsenal. Nur besser. Sie verteidigten mit einer beeindruckenden Gelassenheit und Disziplin. Und immer wieder war da Bollwerk Andrich, der in dieser Form ein unverzichtbarer Nationalmanschafts-"Worker" in Nagelsmanns Sinne ist. Sie griffen ohne Stress an und beschleunigten nur dosiert über Ibrahim Maza und Christian Kofane. Die beiden Youngster zogen immer wieder ganze Defensivhorden aus London auf sich. Ein Ritterschlag. Und dann schlugen sie gnadenlos zu. Nach einer Ecke. Sie hielten Arsenal den Spiegel ins Gesicht: Seht ihr, so wird das gemacht! Andrich, ausgerechnet Andrich stand am langen Pfosten frei und köpfte ein. Maza hatte ihn robust freigeblockt, wusste das, blickte aber unschuldig zum Schiedsrichter. Der erkannte in den Rehaugen offenbar keine Übeltat. Ecken sind ja mittlerweile bekanntermaßen Kampfsportarena. Da wird gerungen und gecheckt, als ob's kein Morgen gäbe. Hjulmand hatte diese neue Enthemmtheit am Tag vor dem Spiel angeprangert. Und fühlte sich offenbar mit seinen Worten falsch verstanden. Erst erklärte er nach dem Spiel den Londonern, dass er nicht sie exklusiv gemeint hatte, sondern auch seine eigene Mannschaft einschloss. Und später wiederholte er das vor Journalisten noch mal.

Hjulmand lobt das geplante Bayer-Tor

Aber so lange die Regeln die Regeln sind und sie das alles so zulassen, so lange macht auch Bayer mit. Geplant. Bereits nach zehn Sekunden hatten sie nach Wiederanpfiff die Ecke rausgeholt. Arteta konnte es nicht fassen. "Wir wussten doch, dass sie bestimmte Abläufe bei Anstößen haben. Sie haben am Wochenende schon drei davon gezeigt, und wir waren darauf nicht vorbereitet. Daraus lassen wir die Kopfballchance zu und danach das Gegentor nach einem Standard. Darüber bin ich sehr enttäuscht."

Martin Terrier hatte eine fantastische Grimaldo-Flanke so aufs Tor gebracht, dass sie nur zugunsten der Leverkusener entschärft werden konnte. Danach rangeln, blocken, köpfeln, jubeln, träumen. "Wir hatten eine gute Trainer-Analyse. Diese Situation war sehr, sehr gut vorbereitet. Wir haben alles richtig gemacht", freute sich Hjulmand, um den es diese Woche Diskussionen gegeben hatte. Ein Bericht legte nahe, dass seine Zukunft über den Sommer hinaus keineswegs sicher sei. Gute Leistungen helfen, Titel noch mehr.

Und die Werkself machte weiter. Sie war dem 2:0 näher als Arsenal dem Ausgleich. Der Druck der Londoner nahm zwar immer mehr zu, aber gefährlich wurde es nicht. "Da hatten sie echt nicht viel", staunte Andrich. Bis Tilman im Strafraum fatal absank, bis Havertz anlief, die zweite Ausgerechnet-Geschichte schrieb und danach gnadenlos analysierte: "Das ist Fußball."

Quelle: ntv.de

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